Oomm – Eltern-Kind-Yoga

Ein Erfahrungsbericht, erschienen in der Känguru, im Sommer 2017
Jede Mama, die meditiert, weiß, wie spannend Kinder es finden, die Mama beim Stillsitzen aus dem Konzept zu bringen: „Meditierst du noch laaaange?“, „Kannst du mal abputzeeeen?“ oder „Mir tut schon der Bauch weh, weil ich sooooo großen Hunger habe“ sind Worte, die wir alle kennen und die uns sofort in Aktion und aus der Stille heraus bringen. In Radhikas Seminar lernen wir, dass wir für diese Art Störung dankbar sein dürfen, denn wir sind im Wochenendseminar „Hilfe! Alltag! Yoga für Eltern mit ihren Kindern“ gelandet, das uns lehrt, wie wir unsere Kinder in unsere tägliche Yogapraxis einbinden können.

Unser Kleinod, der Yoga Vidya Ashram an der Nordsee, liegt nur dreieinhalb Autostunden von Köln entfernt – rechnet man die zweieinhalb Stunden Ferienstau ab, für die ja niemand etwas kann. Nach vielen Reifenumdrehungen reisen wir am Freitag Nachmittag an, und während ich an einer geführten Yogastunde teilnehme, hüpft Norea gleich in die Kinderbetreuung, wo sie malt, ein Papierboot bastelt und nach einer Kinderyogastunde eine schöne Entspannungsreise macht, die ihr richtig gut gefällt.

Bei der Begrüßungsrunde erhalten wir Mütter ein Zauberarmband, das uns in Kinder verwandelt, denn auch wir werden in den folgenden Tagen wieder einmal so richtig spielen, toben und die Welt aus anderen Augen betrachten. Nachdem wir gemeinsam Ooooooooom, Shanti, Shanti, Shanti und begleitet von einem Harmonium Mantras gesungen haben, geben wir uns gegenseitig eine wohltuende Rückenmassage, die wir sehr genießen. Radhika liest uns die indische Geschichte von Hanuman vor, dem Gott in Affengestalt, der auf seiner Suche nach der Königin Sita von Vertrauen, Hingabe und Mut durchströmt wird und deshalb erfolgreich ist. Die Hingabe an unsere Aufgabe als Mütter und das Vertrauen der Kinder in uns ist uns allen bestens vertraut, und wohlgelaunt starten wir mutig in unser gemeinsames Mutter-Kind-Abenteuer.

Beim Abendessen möchte Norea noch einmal wissen, was eigentlich genau ein Ashram ist. Das ist eine Art Internat, wo die Schüler leben, lernen und auch schlafen. „So wie bei Hanni und Nanni?“ Ja, ganz genau, nur dass sich hier alles um das Thema Yoga dreht. Jetzt fühlt sie sich fast wie ein Schulkind und ist hoch zufrieden. Was mich an der Organisation hier begeistert, ist, dass es im Gegensatz zu Ashrams in Indien gut möglich ist, die Kinder zu integrieren. Während die Eltern in den Satsang gehen, erkunden die Kinder das Seminarhaus, das einen ganz modernen Flair hat, und wir finden die betreute Kindergruppe am Abend auf Sofas eingekuschelt vor dem Kamin, in dem ein Feuer brennt, während Norea in Ermangelung von Stockbrot ihre nassen Socken an einen Stab gebunden hat und sie am Kamin trocknet.

Der Satsang ist eine spirituelle Praxis am Morgen und am Abend, wo wir meditieren, Mantras singen und im stillen Gebet zur Ruhe kommen. Das ist für Kinder, die so bewegungsfreudig wie Norea sind, zu lang und still, darum tut es gut zu wissen, dass sie gut versorgt ist und gemeinsam mit anderen Kindern das Leben als kleine Yogini kennen lernt. Nebenbei erfüllt sie sogleich ihre erste Aufgabe: „Finde eine neue Freundin“. In den folgenden zwei Tagen erhalten wir noch mehr Aufgaben wie: „Dusche mit kaltem Wasser“ und „Drehe dich im Kreis, bis dir schwindelig wird“.

Wir verwandeln uns ins Häschen, galoppieren wie die Pferde, verwandeln den Seminarraum in einen Sternenhimmel und bilden einen Yogiberg aus mehreren Teilnehmerinnen. Nach aktiven Phasen lauschen wir den sonoren Klängen von riesigen Klangschalen oder den Indianertrommeln auf der Suche nach dem Schmetterling. Die Yogaposen für die Streckung, Drehung, Rück- und Vorwärtsbeugen, die uns so gut tun, erlernen die Kinder ganz spielerisch.

Der große Spiegeltanz bringt uns so sehr zum Lachen, dass wir uns die Bäuche halten. Zuerst üben wir in Zweiergruppen und dann wechseln wir uns ab und tanzen nach, was die Yogini in der Mitte vortanzt. Das ist wirklich ein herrlicher Spaß, den wir mit ganz sicher mit nach Hause nehmen werden.

Wenn ihr Zuhause jetzt auf den Geschmack gekommen seid, empfehlen wir die Essmeditation: Zieht euren Kindern Augenbinden an und legt ihnen nacheinander verschiedene Früchte in die Hände. Erst werden sie befühlt, dann beschnuppert, dann nehmen sie ganz genau wahr, wie es sich anhört, sie neben dem Ohr zu brechen und im Mund werden sie ausgiebig gekostet und geschmeckt. Anschließend wird natürlich gewechselt. So offenbart auch jeder Tag in eurem Leben seine besonderen Geschenke und „Hilfe! Alltag!“ geht in den lang ersehnten Urlaub.

Claudia Berlinger